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S-Bahn lecken

Logo der S-Bahn-Lecker

Kennt ihr das? Man sitzt gemütlich mit Freunden in der Kneipe und unterhält sich nach dem Essen bei einem Bierchen entspannt über irgendwelche Belanglosigkeiten. Ach schön. Noch schöner wär's eigentlich, wenn es nicht so laut wäre und sich das Zuhören nicht so anstrengend gestaltete, aber naja, so ist es eben. Es geht ja auch nur um's dabei sein...

Plötzlich sagt einer „S-Bahn lecken“. Was? S-Bahn lecken, was das denn?!? Der hat natürlich gar nicht S-Bahn lecken gesagt. Aber weil's so schön absurd klingt, lachen alle. Haha. Das ist echt cool, S-Bahn lecken. Man verspricht etwas darüber zu schreiben.

So ein Blödsinn. Was soll man da schreiben? Na, mal sehen. Wir fragen Google...

0,04 Sekunden später: Scheiße, gibt’s net. Google ist mal ratlos, wer hätte das gedacht? Aber das Weglassen der „Gänsefüßchen“ führt auch nicht zum Erfolg. Zitat: „blasen, lecken und brustwarzen mit der zunge......... - Mitte Mann ...blasen, lecken und brustwarzen mit der zunge. ... dich nur melden und wir treffen uns outdoor gern treffen SBahn tiergarten und gehen dann in den Park“ Naja, so hatte ich mir das auch nicht vorgestellt.

Ok, angenommen jemand würde tatsächlich an einer S-Bahn lecken wollen. Wäre das gesundheitlich bedenklich? Welche Stellen sollte man nicht ablecken? Die Fenstergummis oder die Haltestangen oder eventuell die Knöpfe? Bestimmt alles sehr lecker. Ich würde vielleicht die Stromabnehmer nicht ablecken. Nein, das wär nicht so gut.

Birgit (verfremdet)

Welch Wink des Schicksals, dass ich einen Tag darauf bereits einen Tipp von einer Sozialarbeiterin bekam und dadurch eine ehemalige S-Bahn-Leckerin im Münchner Untergrund aufspüren konnte. Natürlich ist sie mittlerweile clean und glücklicherweise bereit auszupacken. Sie will nicht erkannt werden, fürchtet um Ihren Job. Sie nennt sich nun Birgit. Hier das exklusive Insider-Interview.

milzwurst deluxe: Birgit, wie hat das alles angefangen mit dem S-Bahn lecken?

Birgit: Ich habe mich schon seit meiner Kindheit für's Lecken interessiert. Eine meiner frühesten Erinnerungen ist das Ablecken der Gürtelschnalle meines Vaters.

md: Nach was hat die denn geschmeckt?

B: Naja, leicht salzig, kühl und hart.

md: Von der Gürtelschnalle zur S-Bahn ist ein weiter Weg. War der Übergang sprunghaft oder hat sich das stufenweise entwickelt?

B: Stufenweise kann man schon sagen. Die Größe der Objekte, die mich faszinierten, wuchs proportional zu mir. Erst Eimer, dann die Tiefkühltruhe schließlich das Familienauto und dann eben S-Bahnen.

md: Warum denn nun S-Bahnen?

B: Die sind einfach was Besonderes. So phallisch, lang, hart und schnell. Und sie fahren in dunkle Tunnel ein.

md: Und jetzt sind sie trotzdem clean. Wie kam das?

B: Ein Freund von mir wurde beim Lecken von der S8 mitgerissen und zerfetzt. Er zerschellte an der Tunneleinfahrt. (Tränen schimmern in Birgits Augen, sie reißt sich aber sichtlich zusammen)

md: Das war bestimmt hart. Machte es den Ausstieg leichter?

B: Ich stand unter Schock und wollte von S-Bahnen nix mehr wissen. Ich sehnte mich nach Wärme und Geborgenheit. Seit diesem Tag lecke ich nur noch Zirkustiere: Elefanten, Pferde, weiße Tiger. Das gibt mir mehr zurück.

md: Und die Szene? Versucht die nicht sie wieder zu verführen?

B: Die vermiss ich schon. Viele meiner Freunde sind noch aktiv. Aber für mich wär' das nichts mehr. Man muss einfach wissen, wann man aufhören sollte.

md: Vielen Dank, Birgit, für dieses offene Interview.

Später erzählt mir Birgit noch von ihren Erlebnissen in der S-Bahn-Lecker-Szene. Unglaublich, was da abgeht und welche Risiken diese Menschen für ihre Leidenschaft einzugehen bereit sind. Einige sollen beim Lecken der Stromabnehmer tatsächlich gegrillt worden sein. Insgesamt schätzt sie allein in München über 350 aktive Lecker. Interessant auch, dass die mit den zahlenmäßig unterlegenen U-Bahn-Leckern im Dauergefecht stehen. Aber das ist ein ganz anderes Thema.

Ich muss sagen: Es war ein interessanter Ausflug in eine Paralellgesellschaft. Und spannend. Es gibt eben noch mehr zwischen Gleis und Oberleitung, als man sich vorstellen kann. Wie gut, dass man Dinge manchmal einfach falsch versteht.

Tschüssi,
die Chantále

(Kopie 1)


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Kommentare

1 Kommentar
#1 LiLaLeckerMaul schrieb am 22.07.2007 10:48

Die Fenstergummis! Die schmecken echt geil. Aber ich habe noch einen Geheimtipp für euch: die Haltestangen. Die alten Fettspuren sind hocharomatisch!