Affe bei Jackson müßte man sein
Ich bin vielleicht in eine Sache hinein geraten, die ich nicht verstehe und die bestimmt eine Nummer zu groß für mich ist. Aber ich will nicht übertreiben.
Vor mir liegt ein kleines, unscheinbares Heftchen. Ein Adressbüchlein mit gelblichen Seiten und abgerundeten Ecken. Der Umschlag versucht sich an einer weinroten Lederimitation. Im Inneren befindet sich am Rand ein Register mit den Anfangsbuchstaben von A bis Z; die Buchstaben J und X fehlen. Stattdessen findet sich eine Extraseite für Sch. Das ist aber bei weitem nicht das Merkwürdigste an diesem Büchlein. Es wimmelt darin von Rätseln.
Unter B steht „2864 (234) 373 ← Börse“ und darunter „Bartel (Wassermann) 64967“. Auf der Rückseite dieses Blattes ist in einer krakeligen Handschrift noch so was wie „Laugenarzen a. Bodensee“ vermerkt. Nach einigen leeren Seiten kommt ein Eintrag unter F: „Karl Fü --- 597879“. So geht das weiter, auf manchen Seiten stehen nur Zahlen wie 2866 (3344), auf einigen auch Namen: 40351 (240) Mouson. Beim geheimnisvollen Eintrag Sch findet sich schließlich ein kleiner Zeitungsausschnitt: „Affe bei Jackson müßte man sein ...“ war die Überschrift. Darin ging es um Bubbles, den Affen von Michael Jackson, für den jeden Tag Weihnachten sei und der maßgeschneiderte Anzüge bekommt und mit „Obsessions“ parfümiert wird. Sch wie Schwachsinn? Oder warum hat das der ursprüngliche Besitzer des Büchleins da einsortiert? Hinten auf Seite Sch steht noch „Scheffau Tirol Steinert 18 gut“. Dann kommen nur noch leere Seiten.
Ich habe keine Ahnung, was das für ein Büchlein ist, aber vielleicht gehörte es mal einem Geheimagenten, der darin Treffpunkte und Kontakte vermerkt hat. Wie es dann in den Besitz meiner Mutter geraten ist, möchte ich mal wissen. Sie hatte es jedenfalls irgendwann mal aus ihrer Tasche gezogen, als sie etwas ganz anderes gesucht hatte. Ich fragte: „Wo kommt das denn her?“. Sie wusste es nicht. Oder gab sie nur vor, es nicht zu wissen? Konnte ich ihr noch trauen? Leute, die solche geheimnisvollen Geheimbücher mit sich herumschleppen und dann nicht mal wissen, wo die herkommen, sind mir suspekt. Tut mir Leid, Mama. Was ist, wenn wir unbemerkt in so eine internationale Geheimscheiße hineingeraten sind und jetzt pausenlos verfolgt werden, weil wir die Informationen haben, die zum Bankschließfach und zu den Millionen führen? Oder die streng geheimen Raketencodes für irgendeine russische Abschussbasis. Kann ja alles sein. Wer sind Steinert und Bartel und welche Börse ist gemeint? Was heißt 40351 (240) Mouson? Und was zum Teufel hat Michael Jackson mit der Sache zu tun? Ich habe keine Lust auf Verfolgung und Schießereien. James Bond fand ich schon immer doof. Was soll ich nun mit dem Büchlein machen, dass ich vorsichtshalber an mich genommen hatte? Ich habe das Gefühl, ich muss es wieder loswerden. Versuchen wir's doch direkt. Ich werde bei Kaisers an die An- und Verkaufstafel einen Zettel hängen: „Geheimes Notizbüchlein mit Schließfachnummern und Raketencodes umständehalber abzugeben. Guter Zustand, leichte Gebrauchsspuren. Preis VB.“ Mal sehen, wer sich da so meldet.
2866 (3344),
die Chantále
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