Gestrahlte Kampagne
Atomkraftwerke seien gepriesen! Denn sie schützen uns vor der Klimakatastrophe, sie blasen kein CO2 in die Luft und sind deshalb auch nicht schuld am Treibhauseffekt. Allein deswegen ist Atomenergie rundum gut. Sie will keinem etwas Böses und wird völlig zu Unrecht mit Vorurteilen überhäuft.
„Da muss man doch was tun! Das müssen die Leute wissen.“ dachte sich der Verein Deutsches Atomforum e.V. und will die Leute nun aufklären, wie wichtig, sicher und nützlich gerade die 30 Jahre alten Atom-Meiler für die Gesellschaft sind. Und das Forum möchte zeigen, wie viel der deutschen Wirt..., pardon, LANDschaft fehlen würde, wenn es diese malerischen Kühltürme nicht gäbe. Sehen ja auch sehr schön aus, unsere Uran-Schleudern. Alle sind sie idyllisch gelegen: In Sichtweite des Badestrands mit fröhlichen Kindern, zwischen Maisfeldern und Bergen von Zuckerrüben oder an saftigen Wiesen, an denen die Schäfchen weiden. So zeigt es jedenfalls eine Kampagne des Atomforums in ihren Broschüren und Anzeigen – realitätsnah und überzeugend. Eines der Bilder ist besonders gelungen. Es zeigt einen Schrebergarten auf einem grünen Hügel. Am Himmel strahlen die Wolken, im Tal strahlt Neckarwestheim 1. Im Vordergrund attackiert ein verwirrter Mann mit der Heckenschere eine Dachrinne. Was Strahlung anrichten kann!
Erstaunlich an dieser Kampagne ist weniger die Aufmachung in Verbindung mit dem Leitsatz „Deutschlands ungeliebte Klimaschützer“, sondern dass sie einem an den merkwürdigsten Orten begegnet. Etwa als Beilage im Journalist: damit sich die Meinungsmacher auch mal die richtige Meinung machen können. Oder aber als wiederkehrende halbseitige Farb-Anzeige in der taz. Hier passt sie wirklich am besten, da werden diese nervigen, linken Eigenbrötler – diese grünen, aufmüpfigen Spaßbremsen – endlich zur Vernunft gebracht.
Setzt man sich nun damit auseinander, was die strahlend schöne Kampagne zu sagen hat, lernt man interessante und neue Aspekte der Kernkraft kennen: abseits von Tschernobyl und brennenden Transformatoren.
„Kernenergie erhitzt die Gemüter. Ein Ausstieg die Atmosphäre“, verkündet die Broschüre und schwimmt damit ohne große Anstrengung im Strom der Klimadebatte. Unsere atomaren Freunde mussten ja auch lange genug warten, bis ihnen die öffentliche Diskussion endlich ein Stichwort geliefert hat, mit dem sie nun schamlos hausieren können. Potenzial dafür gibt es genug. Vielleicht wären auch kostenlose Postkarten mit den schönsten Kraftwerken eine tolle Idee? Oder Bausätze im Maßstab 1:100? Ein solches Mini-AKW könnte mühelos den Bedarf eines durchschnittlichen deutschen Haushalts decken. Oder aber T-Shirts und Poster mit dem Slogan: „Kernspaltung macht Spaß!“ Nicht zu vergessen: echt Brokdorfer Kühlwasser in der handlichen 0,5er Strahlenschutz-Flasche. Ein unvergleichlicher Geschmack! Da zergeht einem die Zunge.
Bis es das überall zu kaufen gibt, muss man sich mit den Tipps der Broschüre begnügen: „Lernen Sie unsere 17 Klimaschützer besser kennen“ steht über der Karte, in der alle deutschen Atomkraftwerke verzeichnet sind. Sozusagen als Destinations-Portfolio für den nächsten Wochenendausflug. Wenn die Familie mal wieder nichts vor hat, fährt sie einfach nach Krümmel und schaut sich die Brennstäbe aus der Nähe an.
Papi, Papi, fahren wir zum Krümmel? Bitte, bitte, bitte...
Äh, weißt du mein Sohn ich weiß nicht wie ich's sagen soll, die haben Probleme mit dem Trafo und...
Das Kind beginnt zu weinen. Hastig legt Papa nach:
Nein, wir machen was viel schöneres: Wir fahren zum Biblis A, da können wir dann auch gleich baden gehen.
Oh ja, oh ja, du bist der beste Papi auf der Welt!
Solch glückliche Kinder werden wir bald wohl häufiger sehen; wie sie vor hübschen Kernkraftwerken mit den Tieren spielen und sich freuen, dass sie dank Atomenergie doch noch eine Zukunft haben.
Mehr tolle Infos zur Kampagne, wer will: www.kernenergie.de
Tschüssi,
die Chantále





