Isch gucke!
Ich habe ein neues Hobby. Ich sehe den Leuten auf Teneriffa beim Baden im Whirlpool zu. Ganz heimlich übers Internet. Und natürlich kostenlos möchte ich anfügen – für alle die jetzt dachten, das wäre so ein obskures Pay-per-Porno-Angebot. Keineswegs. Wenn ich mit den Badenixen fertig bin, dann schaue ich mir nämlich als Ausgleich das Foucault Pendel in der Uni Bremen an. Schwing, Schwing, hin und her. Sehr legère. Und das auch noch live. Zugegeben, der Anblick nützt sich mit der Zeit etwas ab; ist doch die Handlung recht vorhersehbar. Da ist es schon interessanter, zu sehen, wer in Nordheim so alles bei Plus einkauft, oder? Oder bei Peter Heck ins Arbeitszimmer zu kucken. Das ist vielleicht mal spannend, auch wenn da meistens keiner arbeitet. Schön ist es auch die Leute in der Lobby des Amadeus Hotel Haarlem beim Frühstücken zu beobachten. Oder einen Blick in die Boulder-Hölle zu werfen, was auch immer da gemacht wird.
Wie? Das klingt alles irgendwie nach Big Brother für Arme? Tja, ist es auch. Aber ungleich bedenklicher, wie ich finde, denn die Typen die sich damals in Container sperren ließen, wussten wenigstens, dass ihnen dabei jeder zuschauen kann. Und sie hatten die Hoffnung, dass einer von ihnen, wenn er sich genug zum Affen gemacht hatte, vielleicht viel Geld gewinnt. Die Menschen, die unbedarft im Whirlpool planschen oder im Foyer Zeitung lesen, wissen wahrscheinlich nicht, dass gerade digitale Voyeure übers Internet zuschauen. Und Geld gibt’s auch keins. Gut, dem Pendel ist es höchstwahrscheinlich egal, aber auch dieses mit einer Kamera live zu überwachen ist völlig sinnlos. Das erzeugt nur Datenmüll, der unser allseits beliebtes Internet verstopft. Wer schaut sich das an? Mal abgesehen von mir natürlich.
Nur weil überwachen gerade „in“ ist, heißt das nicht, dass man auch alles tun sollte, was technisch möglich ist. Wenn einer sein Arbeitszimmer live ins Internet streamt ist das ok; er kann ja darüber entscheiden und es wird auch keiner gezwungen ihm beim Akten wälzen zuzusehen. Aber Hotels, die ihre Gäste observieren und Leute, die öffentliche Räume, wie die Straße vor der Plus-Filiale ohne ersichtlichen Grund überwachen, sollte man mal dezent darüber aufklären, warum so etwas wie Datenschutz erfunden wurde.
Schüss,
Chantále
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P.S.: Hier eine willkürliche Linksammlung, wie sie Google ausgespuckt hat, als Beweis für die Richtigkeit meiner Angaben, obwohl ich die meisten Links nicht gutheißen kann:
Badenixen: http://80.25.93.163:90/view/index.shtml
Pendel 1: http://pendelkamera.physik.uni-bremen.de
Pendel 2: http://pendelcam.kip.uni-heidelberg.de/view/index.shtml?videos=one
Flughafen Stuttgart: http://www.flughafen-stuttgart.de/de/content_webcam.php?submenu_id=8&number=4
Bahnhof Plattling: http://webcam04.deg.net
BoulderHölle: http://webcam3.emptysoft.net
Der Plus in Nordheim: http://62.53.208.69/view/view.shtml?videos=one
Peter Hecks Arbeitszimmer: http://officecam.peter-heck.de:8110
Mozart-Hotel Haarlem: http://mozart.amadeus-hotel.com:81
Wer noch weiter Digital-Voyeur spielen will, gebe einfach mal Axis Live View in eine Suchmaschine ein. Wobei angemerkt sei, dass Axis nur einer der Hersteller von IP-Kameras ist. Daher dürfte es noch wesentlich mehr öffentlich zugängliche Überwachungskameras geben.
Weitere Suchbegriffe sind diese:
inurl:ViewerFrame?Mode=
inurl:ViewerFrame?Mode=Refresh
inurl:axis-cgi/jpg
inurl:axis-cgi/mjpg
inurl:view/indexFrame.shtml
inurl:view/index.shtml
inurl:view/view.shtml
liveapplet






Wir werden in Deutschland ohnehin schon an allen Ecken und Enden von Videokameras überwacht – oft genauso sinnfrei wie flächendeckend. Kreuzung, Straßenbahn, Bus, Parkplatz, Schwimmbad, Fastfood-Filiale, Tankstelle, Hotel, Kaufhaus, Kino, Museum, Schule, Kindergarten, Kirche, Kegelbahn. Klar, Sicherheit geht vor. Meinetwegen. Aber dann doch bitte mit Vernunft. Wie viele Terroristen gehen schon Kegeln? Natürlich sind nicht nur die Terroristen schuld; trotzdem habe ich keine Lust, bald nur noch mit Sonnenbrille und schwarzer Kapuze aus dem Haus zu gehen. Oder wie sollen wir unsere „Informationelle Selbstbestimmung“ sonst noch reklamieren?
Eigentlich müsste man bei jeder Videokamera, egal wo sie sich befindet, nachfragen, warum hängst sie da und was passiert mit den Bildern? Warum überwachen Sie mich? Was habe ich getan, oder was denken Sie, was ich tun könnte, das eine Überwachung rechtfertigt? Das oder die Kapuze. Kapuze ist für Weicheier, ich will Rebellion.