Böse Menschen haben keine Lieder

- "Lalalalalaaaaaaa" - Quelle: Tim Heinrichs-Noll / Pixelio.de
Bei Karaoke denkt man gemeinhin an eine Horde kichernder Asiaten, die in einer von Discolichtern blitzenden Bar in Tokio sogenannte Welthits mehr oder weniger gekonnt zum Besten geben. Ich kannte Karaoke bisher nur von meiner Rucksack-Tour entlang der australischen Ostküste: Die Bar in Airlie Beach hatte keine Glamour-Lichter zu bieten, singen wollte auch nur die Gruppe besoffener Engländer und ich, ich hatte einfach Hunger. Meine Karaoke-Karriere begann erst vor ein paar Wochen auf einer Party... Willkommen im Singstar-Kosmos!
Der Sing-Proll
Der Sing-Proll grölt am liebsten Fußballlieder. Seine Maxime ist: möglichst laut brüllen, um von falschen Tonlagen und mangelndem musikalischen Talent abzulenken. Er ist der festen Überzeugung, er könne damit das Programm überlisten und die volle Punktzahl kassieren. Ihm ist nichts peinlich. Mit dem Mikro in der einen, der Flasche Bier in der anderen Hand, den Kumpels neben und ein paar Hasen vor ihm ist er im siebten Himmel. Und davon ist er nur sehr schwer wieder wegzubekommen.
Lieblingssong: „Three lions on a shirt“ von „The lightning seeds“
Das Möchtegern-Sternchen
Das Möchtegern-Sternchen ist meistens weiblich, eher unscheinbar, schüchtern und ein bisschen altbacken. Sie nimmt jedes Lied sehr ernst und ist ständig darauf bedacht, nicht nur alle Töne richtig zu treffen, sondern auch ihre eigene Liedinterpretation gesanglich unterzubringen. Da sie im Kirchenchor singt, versucht sie es auch mal mit der zweiten Stimme. Und versteht nicht, dass ihr unmelodisches Gequieke keine Begeisterungsstürme auslöst. Oft ist sie von der Ignoranz ihrer Hörer so enttäuscht, dass sie nach dem ersten Lied keine Lust mehr hat und sich mit nach unten gezogenen Mundwinkeln in eine Ecke hockt.
Lieblingssong: „Ein bisschen Friede“ von "Juliane Werding"
Die Spaßbremse
Die Spaßbremse findet das alles nur „furchtbar peinlich“ und würde am liebsten den Strom abdrehen. Spaßbremsen können männlich oder weiblich sein und sind sehr oft mit Möchtegern-Sternchen befreundet. Singen bedeutet für sie nur Zeitverschwendung, Lachen finden sie albern. Sie tauchen auf Parties auf, obwohl sie keiner eingeladen hat, und nörgeln den ganzen Abend rum. Wenn sie keinen mehr finden, der aus Höflichkeit mit ihnen spricht, packen sie das in der Ecke vor sich hin grummelnde Möchtegern-Sternchen an der Hand und stapfen zur Tür hinaus – zur Erleichterung aller.
Lieblingssong: „Coma“ von „Vomiting Corpses“
Der Fun-Singer
Fun-Singer sind angenehme Menschen. Sie sind normal musikalisch begabt und sehen das Ganze als das, was es ist: Unterhaltung. Sie treffen nicht immer den richtigen Ton, sehen aber milde darüber hinweg. Vor allem, wenn alle anderen sich dabei amüsieren. Manchmal singen sie auch absichtlich laut und falsch, um den Spaßfaktor der Zuhörer zu steigern. Nach einer angemessenen Zeit von drei bis vier Songs geben sie das Mikro bereitwillig aus der Hand. Es sind schließlich noch mehr Leute da, die sich zum Deppen machen wollen.
Lieblingssong: „Tränen Lügen nicht“ von "Jürgen Marcus"





Ich gehöre ja nun eher zu den Spaßbremsen, aber (oder vielleicht auch gerade deswegen) bin ich mir ziemlich sicher, dass Ein bisschen Frieden von Nicole ist und nicht von Juliane Werding.