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Familie und Vergangenheit

Eine Pille in Kinofoyer lud zu wilden Spekulationen ein.

Auf den Hofer Filmtagen stand dieses Jahr die Auseinandersetzung mit dem eigenen Dasein im Fokus – sowohl auf als auch vor der Leinwand.

Wieder einmal kam etwas cineastischer Glanz ins graue Ex-Zonen-Randgebiet – zum mittlerweile 42. Mal fanden im oberfränkischen Hof die Internationalen Filmtage statt. Warum es nach wie vor ausgerechnet in der nordbayerischen Provinz ein Filmfest dieses Kalibers gibt, über das viele Kritiker immer wieder die Köpfe schütteln, ist auch heuer wieder schwer zu ergründen. Seit 1967 finden die Filmtage hier statt und haben seitdem in ihrer Bedeutung tendenziell eher zu- als abgenommen – ganz im Gegensatz zur wirtschaftlichen und kulturellen Bedeutung der Region. Dennoch locken sie jedes Jahr aufs Neue zahlreiche deutsche und internationale Filmemacher in die Provinz: vom Filmstudenten bis zum Oscar-Preisträger.

Die Filmtage definieren sich über die gezeigten Filme, deren Auswahl seit jeher in den Händen von Festivalleiter Heinz Badewitz liegt. Quasi aus dem Bauchgefühl heraus hatte er ein Programm zusammengestellt, das den Schauplatz der Filmtage mit dem Geschehen auf der Leinwand zu verbinden schien. Die Themenpalette wurde von einem übergreifenden Rahmen zusammengehalten, der am besten mit „Familie und Vergangenheit“ beschrieben wäre. Schlagworte, die auch auf den Charakter der Filmtage selbst zutreffen. Wie ein Familientreffen in gemütlicher Atmosphäre sehen sie die meisten aus der Filmbranche, und als ein Festival mit langer Tradition und authentischem Kinopublikum.

Auf den Leinwänden dominierten kleine Dramen, persönliche Schicksale und Vergangenheitsbewältigung. Viele Werke versuchen sich an Topographien von Familiengebilden – häufig in schwierigen Lebenssituationen und in strukturschwachen Regionen, wie auch das Hofer Land eine ist.

Christian Petzold (Yella) wählt für seinen Film Jerichow auch einen solchen Schauplatz: die Stadt Jerichow in der ostdeutschen Provinz, in der es kaum Arbeit gibt und in der der Alltag Geschichten schreibt, wie diese. Nach dem Tod seiner Mutter ist Thomas (Benno Fürmann) hierher zurückgekommen. Er hat ihr Haus geerbt, will es wieder herrichten und eine Arbeit suchen. Durch Zufall lernt er Ali (Hilmi Sözer) kennen, dem 45 Imbissbuden in der Gegend gehören. Er mag Thomas und bietet ihm einen Job als Fahrer und Assistent an. Alis attraktive, aber reservierte Frau Laura (Nina Hoss) behandelt Thomas aber kühl und fast geringschätzig. Im Folgenden entwickelt sich eine Geschichte um Zwietracht, Gier und Leidenschaft zwischen ihr, Thomas und dem eifersüchtigen Ali.

Auch der Eröffnungsfilm der Oscar-prämierten Caroline Link spielt sich im Mikrokosmos persönlicher Beziehungen ab: Der Künstler Max Hollander (Josef Bierbichler) soll ein Portrait zweier Geschwister malen, der 22-jährigen Lilli (Karoline Herfurth) und des 19-jährigen Alexander, der sich vor einem Jahr selbst erschossen hat. Mutter Eliane (Corinna Harfouch) will eine Erinnerung an ihren Sohn, den sie nicht loslassen kann, und hofft auf ein Bildnis heiterer Familienidyllle. Der Maler merkt aber schnell, dass Lilli in emotionalen Schwierigkeiten steckt und versucht, die ehemals tiefe Verbindung der Geschwister in seinem Bild einzufangen. Der Künstler folgt dabei dem Grundgedanken, dass ein Portrait nicht nur ein Abbild der Äußerlichkeiten sein soll, sondern auch etwas vom Wesen der dargestellten Personen zeigen soll. Es stellt sich aber heraus, dass niemand wirklich etwas über Alexander wusste. Das entstandene Bild hat schließlich wenig mit dem zu tun, was sich Eliane erhofft hatte. Lilli aber hilft der Prozess, endlich die eigene Trauer zu verarbeiten und eröffnet ihr und der Familie die Chance für einen Neuanfang.

Josef Bierbichler ist in einem weiteren Film zu sehen: Der Architekt von Ina Weisse zeigt ihn in der Rolle des rationalen Architekten Georg Winter, dessen Leben plötzlich auf den Kopf gestellt wird, als er zur Beerdigung seiner Mutter ins abgelegene Heimatdorf fährt. Winter ist seit zwanzig Jahren nicht mehr dort gewesen und sieht sich prompt mit seiner Vergangenheit und mit seiner Jugendfreundin Hannah sowie ihrem Sohn Alex konfrontiert. Die scheinbar harmonische Fassade seiner Familie beginnt zu bröckeln – das mühsam aufrecht erhaltene Leben des Architekten droht einzustürzen.

Der Film L'Heure d'Eté des französichen Regisseurs Olivier Assayas widmet sich ebenfalls dem Thema Familie und Vergangenheit. Als ihre Mutter unerwartet stirbt und es gilt, die Zukunft eines außergewöhnlichen Gemäldenachlasses zu regeln, treffen sich drei Geschwister wieder, deren Lebenswege sich schon lange auseinanderentwickelt haben. Adrienne (Juliette Binoche), eine erfolgreiche New Yorker Designerin, Frédéric, Wirtschaftswissenschaftler und Uniprofessor in Paris, und Jérémie, ein dynamischer Geschäftsmann in China, sehen sich gezwungen, sich mit sich selbst und den Geschwistern auseinanderzusetzen. Mit dem Ende der Kindheit, ihren gemeinsamen Erinnerungen, ihrer Herkunft und ihren ganz persönlichen Vorstellungen von der Zukunft.

Auffällig am Programm war dieses Jahr der Trend zu mehr Realismus in den Geschichten und zu authentischen Bildern. Verstärkt wurde dieser Eindruck auch durch den recht hohen Anteil an Dokumentarfilmen; sie waren mit 20 von 62 Langfilmen ungewöhnlich stark vertreten.

Alle anders – Alle gleich von Dirk Lienig dokumentiert das Leben im ostdeutschen Hoyerswerda, in dem der Regisseur ein Synonym für Ausländerhass, Schrumpfung und Ende des sozialistischen Traums sieht. Die Immigrantenkinder Galina aus der Ukraine, Suleyman, Sinan, Suzan aus dem Irak und Juthamas aus Thailand ziehen mit der Kamera durch Hoyerswerda und fragen sich: „Kann ich hier überhaupt glücklich werden?“ Über ein halbes Jahr begleiteten Produzenten und Regisseur die Jugendlichen, stellten filmische Aufgaben, beobachteten die Entwicklung und zeichneten so ein realistisches Bild vom Alltag heranwachsender Immigranten in der Provinz.

Mein halbes Leben vom Österreicher Marco Doringer ist ein ironisches Selbstportrait der Generation der 30-Jährigen. Doringer filmt sich selbst in seiner Lebenskrise: Er ist 30, hat nicht wirklich etwas erreicht und merkt, dass die Jugend endgültig zu Ende ist. Die Frage, was noch kommen mag drängt ihn zu einer sehr persönlichen Forschungsreise von Berlin zurück nach Österreich. Doringer besucht alte Freunde und Freundinnen, seine Eltern und deren Freunde, um herauszufinden, ob es ihnen besser geht als ihm und warum es so schwer ist, 30 zu sein. Schließlich scheint er seiner Antwort zwar nur unmerklich näher gekommen, hat aber bei den Gedanken über sein eigenes Dasein ein besseres Gefühl.

Ungewöhnliche Lebenssituationen spürte die aus Hof stammende Regisseurin Isabel Grünwald auch in ihrer Heimat auf. Die italienisch-deutsche Koproduktion Brüder zeigt die Symbiose zweier Geschwister im Alter. Fritz und Heiner wohnen zusammen auf einem alten Bauernhof in Oberfranken. Sie haben sich Zeit ihres Lebens nie voneinander getrennt, um eigene Wege zu gehen. Der pensionierte Polizist Fritz erledigt sorgfältig den Haushalt und sorgt für beide. Heiner, Bauer und Hoferbe, sinniert über die Vergangenheit. Unvereinbar in ihren Ansichten und dennoch aufeinander angewiesen, leben sie in beständigem Schweigen.

Die berechtigte Frage, ob Hof seiner Bedeutung für die deutsche Filmszene gerecht wird, bleibt dieses Jahr weiter unbeantwortet – auch weil sich schwer sagen lässt, wie man das bemessen soll. Eines steht fest: Ein guter Film braucht Charakter und etwas Einzigartiges, ein Filmfest vielleicht auch. Und wenn es der raue Charme von „Bayrisch Sibirien“ sein muss, die Würstchenbude vor dem Kino und das alljährliche Fußballspiel des FC Filmtage ist das allemal besser als Profillosigkeit. Hof ist sicher nicht die schönste Stadt und auch keine Hochburg kulturellen Lebens, aber vielleicht ist es die ideale Kulisse, um filmische Realität zu zeigen. Hof im und um das Kino, gewöhnliche Menschen vor und auf der Leinwand, eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Dasein.

Gute Projektion,
die Chantále


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