Hardcore-Aerobic
Kaum ist man ein paar Jährchen auf keinem Hardcore-Konzert mehr gewesen, ist schon alles anders. Früher gab es da Pogo und Rauferei, heute wird stattdessen Gymnastik gemacht. So eine Art Hardcore-Aerobic bekommt man da zu sehen. Das hat mich doch sehr gewundert.
Ich bin also nach Jahren wieder einmal auf einem Hardcore-Konzert gewesen – und das eigentlich nur, weil es gratis war. Die zweite Band fing an zu spielen. Die Musik war eindeutig als HC zu identifizieren, vielleicht ein bisschen mehr Groove und weniger Street Credibility, aber irgendwie Hardcore. Alles ganz homogen. Nur der Tanzstil und die Kleidung wollten nicht recht ins Bild passen. Erstaunt und einigermaßen belustigt konnte man vier verwirrten Kerlchen in Turnhosen und Sportschuhen dabei zusehen, wie sie derart ausufernd vor der Bühne herumsprangen, dass sich das restliche Publikum in die hinteren Ecken verzog. Um nicht von herumrudernden Armen oder Karatetritten getroffen zu werden, war ein Sicherheitsabstand sicherlich ratsam. Garniert wurde die Performance der Turnbeutelvergesser durch Schimpansen-Krabbel-Einlagen und Tae Bo-Moves. Der Sänger der Band heizte seine Sportsfreunde unaufhaltsam an. Mit engem ärmellosen Shirt, Frottee-Stirnband und Handtuch gab er beständig der Vorturner für die Irren vor der Bühne. „Grab somebody!“, rief er. Der Typ mit dem lila Terror-T-Shirt sah so aus, als ob er mich gleich anfassen wollte. Das war definitiv der Zeitpunkt, noch einen Schritt zurückzutreten.
Wie konnte es so weit kommen? Sind die Mitgliedsbeiträge für Fitness-Clubs so astronomisch angestiegen, dass die Spinner jetzt auf Konzerten rumturnen müssen? Und wo soll das bitteschön hinführen? Bringen die vielleicht demnächst noch Laufbänder und Rudermaschinen mit? Da wäre es ja dann sinnvoller, das Konzert ins Fitness-Studio zu verlagern. Ich bin jedenfalls für die nächsten paar Jahre bedient. Nicht nur, dass ich Hardcore ohnehin nur eine gewisse Zeit lang aushalte, diese Krankengymnastik kann ich mir definitiv nicht lange anschauen. Ich mache also mal wieder eine Pause und bin gespannt, was 2012 wohl zu HC „getanzt“ werden wird. Ohne mich zu weit aus dem Fenster lehnen zu wollen, tippe ich jetzt schon darauf, dass die sich dann nackt ausziehen, sich gegenseitig mit Fingerfarbe vollmalen und anschließend prächtige Makramee-Figuren knoten.
Tschüssi,
die Chantále
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