192 Degustation
Theatergruppen, in Berlin wimmelt es von Theatergruppen. Zumindest in der Vorstellung meiner Mutter.
Sie war zu Besuch in Berlin und wir machten die obligatorische Touristentour durch die Stadt. Allerdings fragte ich mich dabei öfter, wer hier eigentlich mit wem die Führung machte. „Kuck mal hier! Und da drüben, die sehen ja lustig aus“, sagte Mama zu jeder passenden Gelegenheit. „Hast du die gesehen? Das ist bestimmt eine Theatergruppe.“ Verdutzt fragte ich: „Eine was?“ „Ja, die sind bestimmt von einer Theatergruppe, so wie die angezogen sind“, bekräftigte sie ihre Vermutung. Eine schöne Vorstellung. Das sind alles gar keine Irren und ästhetisch Unterbegabte, nein, das sind Schauspieler in Kostümen auf dem Weg zur Probe. Mir gefiel diese Illusion so gut, dass ich dazu nichts weiter sagen konnte. Im weiteren Verlauf unserer Tour würde sie das sicher noch ein paarmal erwähnen.
Wir kamen an allerhand Orten und Dingen vorbei, die sie schon aus dem Fernsehen kannte. Am Alex fanden wir zum Beispiel dieses Weltuhrendingens, das sie aus unerfindlichen Gründen immer in allen Berlin-Beiträgen einblenden. Das Interessante an diesem Ungetüm ist für mich ja, das es die beiden Zeitzonen Grönlands beinhaltet und einem so zur Erkenntnis verhilft, dass Westgrönland im Vergleich zu Ostgrönland eine Stunde später dran ist. Weil ich aber dachte, dass das meine Frau Mama kaum so stark interessieren dürfte wie mich, habe ich diese Details lieber ausgespart. Sie war ohnehin schon enttäuscht, weil das Ding im Fernsehen immer viel größer aussieht. Wenn sie nun noch erfahren hätte, dass es komplett nutzlos ist, nicht auszudenken ...
Sie interessierte sich stattdessen mehr für die zerkratzten Scheiben in den Trams und den S-Bahnen. „Wie heißt das? Scratching?!?“ Das sei eine Frechheit und dass sich diese Leute nicht schämen würden. Wer so etwas mache, wollte sie wissen. Das konnte ich ihr leider nicht sagen. Davon abgesehen hätte ich das ohnehin zuerst der Bahn erzählt, weil die mittlerweile 600 Euro für diese Information zahlt. Auch wenn ich nicht weiß, wie die sich das vorstellen. Soll man da hingehen und sagen: „Hallo, ich bin vom Art Magazine. Das ist aber ein schönes Kunstwerk, wie heißt denn der Künstler?“ Dann müsste man am besten noch ein Handyfoto vom Meister und seinem Werk schießen. Wenn das mal nicht kunstvolle blaue Flecken gibt.
„Wolltest du nicht noch ins KaDeWe“, fragte ich. „Ach, nee. Ich will doch eh nichts kaufen“, wiegelte sie ab, „gehen wir doch gleich in die Kirche.“ Ich: „Aber man muss da doch nichts kaufen. Seit wann muss man an Touristenattraktionen irgendetwas Bestimmtes tun? Du gehst doch auch nicht in diese Kirche, um zu beten, oder?“ Das könne ich nicht wissen, sagte sie, vielleicht bete sie ja „inwendig“. „Ja, dann können wir auch ins KaDeWe und inwendig was kaufen“, schlug ich vor.
Also sind wir nach dem inwendigen Gebet doch dort gelandet. Allerdings mussten wir Muttern auf einem Antiksessel im zweiten Stock zurücklassen, weil sie nicht mehr so gut laufen konnte. Da saß sie also vor einem abscheulichen Theatergruppen-Outfit, das ihrer Meinung nach ein Designer namens „Ratte“ gemacht hatte. Ich fragte mich, ob sie mittlerweile genauso gut sehen konnte wie laufen, und pilgerte in die Feinschmecker-Etage. Dort habe ich nicht ganz inwendig zweimal „192 Degustation“ für 7,30 Euro erstanden und die Mama auf dem Rückweg wieder eingesammelt. „Na, hast du was Schönes bekommen?“, fragte sie. „Keine Ahnung“, sagte ich, „hoffentlich schmeckt es besser, als es sich anhört ...“
Tschüssi,
die Chantále
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