Brief an einen Psychopathen
Es war Heiligabend, mein Handy surrte und zeigte eine von mir einprogrammierte Erinnerung an: „Brief an Thomas: Freundin zerstückeln.“ Ach ja, diese Sache ...
Ich war tags zuvor in den wilden Osten gefahren, ganz tief hinein, zu einem Ort, wohin nur enge, bucklige, sich unsäglich windende Pfade führen. Und das alles nur, um das Neueste über örtliche Psychopathen und nachtaktive Darm-Atmer zu erfahren. Weil ich das zu dem Zeitpunkt irgendwie spannend fand, habe ich mir die Erinnerung ins Handy programmiert. „Brief an Thomas: Freundin zerstückeln.“ Also gut.
Lieber Thomas,
ich schreibe dir, weil sich deine Schwester nicht traut, es dir selbst zu sagen. Aber jemand muss es tun, denn so kann das nicht weitergehen. Du musst aufhören, deine Freundinnen zu zerstückeln. Ja, richtig gelesen, so etwas erzählt man sich schon über dich. Zumindest manche tun das. Doch wer sollte es ihnen verübeln, so wie du deine Liebste immer versteckst. Nur nachts darf sie raus in den Garten oder vor die Tür. Und kein anderer darf rein, wenn sie da ist. Nur die Nachbarn erzählen deiner Familie immer, wann sie wieder zu Besuch war. Und dass du die Wände hast schalldämmend verstärken lassen, wirft auch kein gutes Licht auf dein Treiben. Aber was den Vogel wirklich abschießt, ist die Sache mit der Hollywood-Schaukel. Thomas, dein Vater musste unter erheblichem Kraftaufwand die Hollywood-Schaukel hinter die Garage zerren, wo man von der Straße aus nicht hinsehen kann, nur damit ihr dort im Anblick des Misthaufens Kaffee trinken könnt. Dabei hast du so eine schöne Terrasse! Und dass du dir an deinem Geburtstag die Geschenke nur durch die Tür hast reichen lassen, weil keiner hinein darf, wenn deine Freundin noch da ist, lasse ich unkommentiert. Vielleicht ahnst du ja selbst schon, was ich damit sagen will. In deiner Familie traut sich keiner, die dir Wahrheit zu sagen, deshalb muss ich das erledigen. Ich tue dir und mir damit einen Gefallen. Schließlich haben wir uns gestern gefühlte drei Stunden lang Hochzeitsbilder von – mir völlig unbekannten – Leuten angesehen, immer auf der Suche nach dem Bild eines vermeintlichen Psychopathen. Ich hoffe, du denkst darüber nach und zeigst allen heute am Heiligen Abend, dass deine Freundin noch lebt und dass sie nicht, wie vermutet, in Einzelteilen in deinem Gefrierschrank schlummert.
In diesem Sinne: frohe Weihnachten!
Michael
P. S.: Sag bitte nicht deiner Schwester, dass mich die Nacht hindurch eine schmerzhafte Ohrwurmentzündung sowie die zahlreichen nachtaktiven Darm-Atmer im Aquarium derart geplagt haben, dass ich beinahe diesen wichtigen Brief vergessen hätte.
Frohes Fest,
die Chantále
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