Die Wolfsburger Kissenschlacht anno 42
Diese Zeilen sind Ausdruck des spontanen Hasses. Hass auf die Frau, die ihr kleines Kissen vergessen hat, und nun auf Platz 42 im Wagen 1 des ICE 871 ohne selbiges auskommen muss. Der Verlust ihres kleinen Kissens bescherte ihr solche Seelenpein, dass sie es nicht auszuhalten vermochte und ihren Schmerz nicht nur mit ihrem Begleiter – Nummer 44 – teilte, sondern auch auf die Sitzreihe hinter sich projizierte.
Der Terror begann gleich, als die beiden kissen- und gewissenlosen Egomanen in Wolfsburg zugestiegen sind: „Das ist Ihre Jacke, nicht?“, blaffte der Kofferträger von Nr. 42 die neben mir sitzende Frau Nr. 41 an. „Die muss jetzt da weg, den Platz brauchen wir für den Koffer!“ Stutzig nahm 41 die ihr entgegengestreckte Jacke an sich und fragte dabei betont unschuldig: „Ach Gott, wo soll ich die denn jetzt hintun?“ „Auf dem Haken hängen!“, blaffte es wieder von Nummer 44. „Das wusste ich nicht. Danke, dass Sie mir das sagen“, giftete 41 nun borstig zurück und stopfte sich ihre Jacke hinter den Rücken.
Derweil konnte ich nur mentales Kopfschütteln praktizieren – die Zugfahrt konnte ja noch lustig werden. Und schon ging der Schlagabtausch in die zweite Runde. Meine Nachbarin, Nr. 41, holte zum Vergeltungsschlag gegen Omi 42 aus, deren Jacke nun die idyllische Aussicht aufs Wolfsburger Land versperrte: „Oh, können Sie ihre Jacke vielleicht dort vor hängen, ich habe hier nur so ein kleines Fenster!“ ... Keine Reaktion ... Stoisch wiederholte sie ihre Forderung, nun etwa 3 Dezibel lauter ... Wieder keine Reaktion. Jetzt wurde sie handgreiflich und bohrte Nummer 42 mehrfach mit dem spitzen Finger in die Schulter. „Ent-schul-di-gen Sie! Können Sie ihre Jacke dort vorne hinhängen?!? Ich habe hier nur so ein kleines Fenster!“ Nummer 42 fummelte die Jacke wortlos vom Haken und platzierte sie umständlich etwas weiter vorn. 41 schien vorerst zufrieden, machte allerdings von ihrer neuen Sichtfreiheit keinen Gebrauch, sondern las weiter in ihrer mit einem Frauennamen betitelten Qualitätszeitschrift.
Doch prompt kam der nächste Angriff von vorn! Wie beim Synchronsport zogen die Wolfsburger Nervensägen an den Hebeln für die Rückenlehnen und kamen immer näher und näher. Dabei quetschten sie auch mich, der sich bisher gänzlich aus diesem albernen Rentnerstreit herausgehalten hatte, in meinem Laptop ein. Nun schreibe ich mit meiner Zunge, die ich links und rechts aus den Mundwinkeln herauspresse, diesen Hasstext. Aber eigentlich nur, um mich von dem Gespräch über die Sehenswürdigkeiten Gifhorns abzulenken, in das sich meine neuen Lieblingszugreisenden gerade lautstark vertiefen. Wie schlimm kann es noch werden? Ach, hätte ich doch nur so ein kleines Kissen dabei, das ich mir auf meine empfindlichen Ohren drücken könnte! Es manifestiert sich nun bei mir die Weisheit: Wenn es nicht zum Krieg kommen soll, darf man sein kleines Kissen auf Reisen wirklich nie und nimmer vergessen.
Wo ist die Stille nur hin,
die Chantále
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Bahn frei für die Kissenschlacht??
So eine verrückte Welt, hab einfach keine Worte.. 
Haha