Neue Stadt, neue Scheiße!
Gorbatschow ist tot. Mitten im größten Chaos hat sein Herz nicht mehr mitgemacht. Ist einfach umgekippt, der Schwanz hing noch im Laufrad. Er hat's knallhart durchgezogen und sich davon gestohlen. Vielleicht wollte er genauso wenig umziehen wie ich. Er hat seine Konsequenzen gezogen – bis zur Ultima Ratio. Nicht so wie ich. Nun gut, vielleicht war es auch Altersschwäche, 3 Jahre ist ziemlich alt für eine Maus. Man sollte da nicht zu viel hineininterpretieren.
Dennoch: Verstehen könnte ich es. Ich hasse Umzüge. Das ist mit wochenlangem Stress und Unordnung verbunden. Und nichts wird mehr so sein, wie es einmal war. Man muss sich an eine neue Stadt, eine neue Wohnung und an neue Nachbarn gewöhnen. Vor allem mit Letzteren werde ich mich wohl noch etwas beschäftigen müssen. Einen habe ich schon kennengelernt: so eine Art arbeitslosen Hobbyjuristen mit recht originellen Ansichten. Obwohl er ganz und gar nicht juristisch vorgebildet aussieht, hält ihn das trotzdem nicht davon ab, mir ständig den Rechtsalltag in Deutschland anhand von merkwürdigen Fallbeispielen zu erklären. Zum Beispiel, dass ein Einbrecher, der sich bei der Flucht an der Glasscheibe der Terrassentür, durch die er eingestiegen ist, schneidet, den soeben ausgeraubten Hausbesitzer auf Schmerzensgeld verklagen könne. Diese Information kann man ja immer mal gebrauchen. Genau wie die Definition des Unterschieds zwischen Mord im Affekt und Mord mit Vorsatz. Wieso erzählt er mir das? Hat der heute noch was Bestimmtes vor? Einbruch oder Mord zum Beispiel? Einbrecher darf man übrigens nicht totschlagen, wenn man sie in seiner Wohnung erwischt. Weder im Affekt noch vorsätzlich. Mist, habe ich bisher immer so gemacht. Es gibt eben noch viel zu lernen in dieser Stadt.
Gewöhnungsbedürftig an meiner neuen Heimat Bärlin ist aber definitiv noch mehr. Beispielsweise, das Einwohnermeldeamt von Prenzlauer Berg. Als braver Bürger wollte ich natürlich gleich am dritten Tag meinen Wohnsitz anmelden. Ich habe einen total neumodischen Internet-Termin vereinbart und bin zu einem Verwaltungsgebäudekomplex marschiert, der aussah wie eine umgenutzte Fabrikhalle. Der Pförtner sagte: Heute ist Streik. Das Einwohnermeldeamt streikt?!? Wie geht das denn? Ich wollte dennoch mein Glück versuchen und bin wie online befohlen direkt zu „Platz 1“ getingelt. Weil ich zu früh war, musste ich warten und hatte daher die Gelegenheit auf dem Gang die Geschichte des Gebäudes zu studieren. Es hat die erstaunliche Entwicklung vom Siechenheim für Frauen zum Stasi-Ministeriums-Gebäude bis zur Bezirksverwaltung gemacht. Von Streik zeigte sich Gott sei Dank keine Spur. Zehn Minuten später war ich offiziell Teil der Einwohnerschaft von Hundehaufen-City. Das mit den Massen an Hundescheiße überall auf den Gehwegen habe ich immer für ein Klischee gehalten. Die traurige Realität ist aber: alles vollgeschissen, bis zum Rand voll mit Scheiße. So hatte ich mir das vorgestellt.
Also raus aus der Scheiße und zurück in die chaotische Wohnung, wo sich die Kartons stapeln und sich die Tapete wellt. Der Wasserhahn tropft im Takt zur Musik und man weiß eigentlich nicht, wo man anfangen soll. Wie gut, dass Gorbatschow (Gott hab ihn selig) das nicht mehr erleben muss. Er war immer so sensibel, was Bausubstanz angeht.
Soweit, so gut. Fortsetzung folgt ...
die Chantále
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Die Lampe hat doch etwas oder? Die sieht so schön nach fünfziger Jahre aus;-)
Jetzt sieht sie eher nach Sperrmüll aus. Wurde alsbald entsorgt, das hässliche Ding. Sah ja aus wie aus einer dieser armen bedrohten Raucher-Eckkneipen über deren Aussterben im Zuge des Rauchverbots immer diskutiert wird. Nee, also so was kommt sicher nicht in meinen Flur. Da will nur wieder einer rauchen bei dem Anblick.