No Rindvieh, no Cry!
Rastamann sitzt hinter der Biotonne und flötet sich eins. Seit geraumer Zeit schon geht mir damit auf die Nerven. Zwischendrin schlägt er immer wieder Holzstöcke aufeinander, einen nach dem anderen. Plock, plock. Dann wirft er sie – wiederum einzeln – in die bereits erwähnte Biotonne. Ich glaube, Rastamann ist unser Gärtner.
Ich wollte eigentlich etwas über „Ein Herz für Rinder“ schreiben. Doch das will bei dem Geflöte nicht so recht klappen. Stattdessen sehe ich weiter fasziniert aus dem Fenster runter in den Garten. Mitten auf der Wiese steht die braune Tonne, dahinter sitzt der Rastagärtner im Schneidersitz. Grausame Frequenzen entwinden sich seiner Flöte und bohren sich in mein Gehör. Die Gartenarbeit macht dabei genauso bemerkenswerte Fortschritte, wie mein Text über Rindviecher.
Plötzlich kommt ein Alt-Hippie dazu. Er dreht sich Zigaretten, während er dem Rastamann bei der seltsamen Gartenarbeit zusieht. Er scheint so eine Art Supervisor zu sein. Denn kurz nach seinem Erscheinen schleift der Rastamann die Tonne quer über die Wiese und verschwindet dann. Es wird still. Jetzt könnte ich weiterschreiben – nur leider hab ich inzwischen vergessen, was an der Sache eigentlich so witzig war ... Ich vertage die Angelegenheit.
Neuer Tag, neuer Versuch. So, wie war das? Rinder, genau! Noch bevor ich richtig anfangen kann, darüber nachzudenken, vernehme ich schon wieder so komische Geräusche. Diesmal aber lauter, aggressiver. Zischen und Blasen, Spritzen und Getöse. Rastamann hat sich einen Hochdruckreiniger besorgt und malträtiert damit die Tiefgarageneinfahrt. Ganz gemächlich. Bei genauerem Hinsehen entdecke ich, dass er massenhaft Wörter in den Dreck fräst. „RASTA! ☼ REGGAE! ☼ RASTA!” steht da in üppigen Lettern. Das dauert natürlich 'ne Weile. Langsam finde ich Gefallen an seiner Arbeitseinstellung, obwohl mich die Geräuschbelästigung immer noch von meinem Rindertext abhält. Vielleicht hat der Rastabrother recht, man muss die Arbeit einfach mit dem Vergnügen verbinden und nehmen, was kommt. Scheiß auf die Rindviecher! Es hat eben nicht sollen sein. Was nützt es jetzt, sich zu grämen? Ich habe irgendwo im Schrank eine Bob Marley CD, von der ich nicht weiß, wie sie in meinen Besitz gelangt ist. Das wäre der ideale Soundtrack, um weiter dem Gärtner zuzusehen. Ich gehe zu dem Fach im Regal, wo ich die aussätzigen Tonträger aufbewahre. Schön separat, damit sie die anderen CDs nicht anstecken. Irgendwo zwischen „Schmuse Evergreens“ und „Mystische Gewitternacht“ müsste Bob Marley stehen. Ah hier, gleich neben „Vampire Cows – Die Attacke der kackenden Kühe“ hat er sich versteckt. Moment mal! Welch' Wink des Schicksals: Da haben wir doch wieder was über Rindviecher! Der Kreis schließt sich wie von selbst. Man muss es nur easy angehen. Kein Stress, Brother. Rastamann hat's schon immer gewusst. Morgen sind die Rinder dran, ganz sicher. Jetzt fühle ich mich zu stoned. Und außerdem hab ich irgendwie keinen Bock mehr, ey. Ich schnitz' mir jetzt 'ne Flöte und übe darauf „Buffalo Soldier“!
Yo,
die Chantále
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