Oskar, die Lepra-Heuschrecke

- Ohne Chimichanga - Quelle: Thorben Wengert / Pixelio.de
Wir haben einen neuen Mitbewohner. Seit drei Monaten lebt er bei uns im Wohnzimmer. Wir haben einiges ausprobiert, aber das arme Ding mag nur Salat. Gelegentlich knabbert er noch ein wenig am Küchentuch herum, das er ständig bei sich hat. Abgesehen davon, dass er manchmal an die Decke geht, ist er sehr ruhig. Sein Name ist Oskar.
Eines Abends Anfang Juli saß Oskar auf unserem DVD-Player. Sein olivfarbener Teint schimmerte im Licht der letzten Sonnenstrahlen. Mein erster Gedanke war: Wie kommt der in unsere Wohnung? Mein zweiter: Er muss wieder raus! Meine besserer Hälfte Stephan dagegen war anderer Meinung: Er bleibt! Sogleich nahm er sich liebevoll des Neuzugangs an. Oskar bekam Salat, einen Namen und ein provisorisches Nachtlager auf unserer Fensterbank.
Drei Tage lang ging das so, und es schien, als lebe Oskar sich langsam ein. Am Morgen des vierten Tages aber war er verschwunden. Einfach weg. Nur ein welkes Salatblatt blieb zurück. Stephan war verzweifelt. „Es ist meine Schuld!“ Er machte sich Vorwürfe, weil er am Abend zuvor vergessen hatte, Oskar frischen Salat zu reichen. „Wo soll er denn hin? Er ist doch ganz fremd hier!“ Pflichtschuldig stimmte ich ihm zu. Insgeheim aber war ich froh darüber, dass Oskar das Weite gesucht hatte. Ich hatte keine Lust auf einen neuen Mitbewohner, der sich bei uns breit machte. Der Alltag kehrte wieder ein, bis ich zwei Tage später unterwegs war und eine SMS erhielt: Oskar is back!
Und tatsächlich, Oskar war zurück. Aber in welcher Verfassung...Er hatte sein rechtes Hinterbein verloren und humpelte. War es ihm draußen so schlecht ergangen, dass er freiwillig zurückgekehrt war? Mit großem Appetit verspeiste er eine Handvoll Salat (knackig frisch!) und verzog sich auf seine Fensterbank.
„Das Provisorium ist nicht gut für Oskar“, flüsterte ich. „Er braucht was Richtiges…jetzt, wo ihm ein Bein fehlt….“ Ich hatte tatsächlich Mitleid mit dem Kerl. Er bekam ein richtiges Bett und sogar Spielzeug, damit er sich nicht langweilte, wenn wir tagsüber in der Arbeit waren. Im Laufe der nächsten Wochen verlor Oskar noch ein Vorderfußglied und ein halbes Ohr. Die Gliedmaßen waren nirgends aufzufinden. Wir machten uns Sorgen. Hatte er sich auf seiner kurzen Reise etwas eingefangen? Eine gefährliche Infektion mit den Chimichanga-Bakterien, die ähnliche Auswirkungen hat wie Lepra beim Menschen? Oder neigte er gar zu Selbstverstümmelung? Wir waren schockiert...Andererseits, er wirkte nicht gerade krank. Verschlang er doch Unmengen an Salat und sprang munter im Wohnzimmer herum und gegen die Decke.
Heute, drei Monate später, kann ich mir ein Leben ohne Oskar nicht mehr vorstellen. Er hat mittlerweile auch die zweite Hälfte seines Ohrs verloren, aber es scheint so, als mache er sich nichts daraus. Er kann erstaunlich gut mit seiner Behinderung umgehen. Nur eines macht ihm zu schaffen: Sein Name. Denn Oskar ist eigentlich eine Frau.



Es freut mich, daß Sie mein Foto sehr gut verwenden konnten.
Gruß: Thorben Wengert
Chimichanga-Bakterien! Die sind doch höllisch gefährlich. In Berlin sollen sich schon einige Menschen damit angesteckt haben als sie in einem mexikanischen Restaurant speisten. Das ist wirklich qualvoll. Diese Krankheit, die nach dem mwangalaischen Wort für Babyaffenhirnfäulnis benannt ist, lässt den Körper langsam verfallen. Der lepravergleich könnte also nicht treffender gewählt sein. Hoffentlich krieg ich das nie.