Weihnachtsgeld für alle!
Nie zuvor bin ich beim Verlassen eines Supermarktes so ins Grübeln geraten. Ich hatte gerade das surrealste Einkauferlebnis aller Zeiten. Mitarbeiter und Kunden verhielten sich gleichermaßen sonderbar.
Jeder Kunde wurde an der Kasse freundlich angelächelt und sogar mit einem zu seinem Einkauf passenden Kommentar verabschiedet. Der Frau vor mir wurde „Viel Spaß beim Spielen“ gewünscht, nachdem sie eine Kindereisenbahn aus Holz gekauft hatte. Mit sagte man freundlich „Guten Appetit“, weil ich Fertiggerichte kaufte. An der Kasse nebenan ging es genauso zu. „Bis morgen dann!“, „Lass dir's schmecken!“, „Schönes Wochenende“. Das steckte an, die Kunden wurden fröhlich und geduldig und ließen andere vor. „Ach sie haben ja nur die Milch!“, „Nehmen sie doch den Korb, ich hol 'nen Wagen ...“ Es war beinahe unglaubwürdig. Mir kam es vor, als würde im nächsten Moment einer „Cut, Kopieren, noch mal bitte, Klappe!“ rufen. Es wäre der perfekte Werbespot gewesen. Für dieses abnormale Supermarkt-Verhalten konnte es nur zwei plausible Gründe geben: Entweder hatten die Mitarbeiter dort alle Drogen zu sich genommen oder es gab heute Weihnachtsgeld. Wahrscheinlich trifft Letzteres zu – schließlich hatten wir gerade den 28. November. Sollte es also möglich sein, dass sich Geld derart auf die Stimmung der Leute auswirkt? Wahrscheinlich hatten alle heute Weihnachtsgeld bekommen: Mitarbeiter und Kunden. Und wieso war ich nicht in Feierlaune? Warum nur kam mir alles so befremdlich vor? Weil ich nicht zum Club der Gratifikationsempfänger gehöre. Ich hab meine Gehalt schon vorgestern bekommen: ohne besondere Zuwendung als Anerkennung meiner überdurchschnittlichen Leistung im vergangenen Jahr.
In Deutschland zahlen die meisten Firmen Weihnachtsgeld, sogar Lidl tut das angeblich. Bei Thyssen Krupp, TUI oder Shell gibt es sogar mehr als 100 Prozent des Gehalts extra. Bei Philip Morris sollen alle 2100 Mitarbeiter sogar 150 Prozent bekommen. Zumindest haben die das der Bild-Zeitung erzählt. Im Supermarkt, in dem ich einkaufen war, hat Bild leider nicht nachgefragt. Eine Erhebung des DIW Berlin und von TNS Infratest Sozialforschung aus dem Jahr 2006 hat ergeben, dass etwa 70 der Arbeitnehmer eine Gratifikation in Höhe von bis zu 1499 Euro bekommen haben. Weitere gut 25 Prozent pendeln zwischen 1500 und 2999 Euro. Da hätte ich auch gute Laune.
Das ist schließlich aus Sinn und Zweck des Weihnachtsgeldes: gute Laune, am besten gute Kauflaune. Wenn man Dipl.-Volkswirtin Karin Linkert glauben darf, und ich denke das darf man, haben die aufgrund der Weihnachtsgelder höheren verfügbaren Einkommen bisher immer dafür gesorgt, dass die Umsätze im Einzelhandel in den Monaten November und Dezember um etwa 18 Prozent über dem Durchschnitt der vorangegangenen Monate lagen. Tja, das wäre in Zeiten der Finanz- und Wirtschaftskrise doch dieses Jahr besonders schön für den Einzelhandel. Mit mir können die aber leider nicht rechnen, das müssen sie verstehen. Ich bin hier der Verlierer der Globalisierung und gleichzeitig Außenseiter in der weihnachtsgeldberauschten Konsumgesellschaft. Es muss doch Hilfe geben für Menschen wie mich? Wo bleibt der Staat? Wie wäre es mit einem 10-Milliarden-Hilfsfond für alle deutschen Arbeitnehmer, die 2008 leer ausgegangen sind? Das wäre eine ganz hervorragende Investition, denn es würde nicht nur das Volk (und mich) in einen euphorisch-dankbaren Gemütszustand versetzen, nein, wir würden auch sofort das Geld wieder in den Wirtschaftskreislauf pumpen und so die Unternehmen stärken. Die Hälfte käme dabei sowieso als Steuern wieder zurück. Der Geschäftsklimaindex würde Freudensprünge machen und alle Bürger hielten den Finanzminister für den Weihnachtsmann. Die Stimmung aus dem Supermarkt hätte sich über ganz Deutschland ausgebreitet. „Cut! Kopieren!“, ruft mein Gehirn. Wieder nur ein Werbespot.
Tschüssi,
die Chantále
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